Wichtigste Kernpunkte:
- Der vereinbarte Waffenstillstand und die Wiederöffnung der Straße von Hormus haben den unmittelbaren Marktdruck reduziert. Die neue Zwei‑Wochen‑Frist bedeutet jedoch, dass die Volatilität voraussichtlich erhöht bleiben wird.
- Energie bleibt der entscheidende Faktor. Der Ölpreis ist deut lich gefallen, liegt jedoch weiterhin klar über dem Vorkrisen niveau. Eine nur teilweise Wiederherstellung der Lieferströme könnte die Inflationsrisiken weiter aufrechterhalten.
- Asien und Europa bleiben stärker betroffen als die vergleichs weise abgeschotteten USA. Die Konsens‑Wachstums schätzungen wurden bereits nach unten angepasst, insbe sondere vor dem Hintergrund der weiterhin hohen Gaspreise.
- Mit dem Nachlassen der Risiken hat sich unsere Haltung insgesamt aufgehellt. Die USA bleiben unsere bevorzugte Aktienregion, während wir gegenüber ausgewählten zyklischen Sektoren konstruktiver werden. Zudem empfehlen wir europäische IG‑Unternehmensanleihen sowie Gold.
Was ist passiert?
In einer dramatischen Wendung der Ereignisse einigten sich nur wenige Stunden vor Ablauf der von US‑Präsident Donald Trump gesetzten Frist sowohl die USA als auch der Iran auf einen zwei-wöchigen Waffenstillstand mit dem Ziel, über ein tragfähiges Friedensabkommen zu verhandeln. Israel hat sich dem Waffen-stillstand ebenfalls angeschlossen, stellte jedoch klar, dass diese Regelung nicht für den Libanon gilt. Die für die Finanzmärkte bedeutendste Entwicklung ist Irans Zusage, die Straße von Hormus wieder zu öffnen, die faktisch seit 40 Tagen blockiert war. Diese entscheidende Konzession ermöglicht es Öl‑ und Gastankern, den Schiffsverkehr wieder aufzunehmen, und verspricht die Wiederherstellung zentraler Energieflüsse aus dem Nahen Osten.
Die Ankündigung des Waffenstillstands und der Wiederöffnung der Straße von Hormus löste eine unmittelbare Reaktion an den globalen Finanzmärkten aus. Die Ölpreise fielen deutlich: Die Preise für Brent‑ und WTI‑Rohöl sanken um rund 15 %, was den erneuten Optimismus hinsichtlich der Ölversorgung aus dem Nahen Osten widerspiegelt. Die Aktienmärkte reagierten mit einem spürbaren Anstieg der Risikobereitschaft, wobei zuvor
besonders stark belastete Sektoren eine breite Erholung anführten. Der japanische Nikkei‑Index legte um 5 % zu, der südkoreanische KOSPI sprang um 6 % nach oben, und der EuroStoxx 50 gewann mehr als 4 %. Auch die Futures auf den S&P 500 stiegen und brachten den Index bis auf 3 % an sein Allzeithoch heran. An den Anleihemärkten gingen die Renditen von Staatsanleihen zurück, während der US‑Dollar gegenüber dem Euro nachgab – ein weiteres Signal für die Verschiebung der Anlegerstimmung hin zu risikoreicheren Anlagen.
Was bedeutet das für Anleger?
Der Waffenstillstand ist ein bedeutender Schritt in Richtung eines nachhaltigen Endes der Krise und reduziert die unmittel-baren Extremrisiken. Dennoch ist es noch zu früh, von einer endgültigen Lösung auszugehen. Eine neue Zwei‑Wochen‑Frist rahmt nun die nächste Phase, und mit ihrem Näherrücken dürften die Märkte stärker durch Schlagzeilen getrieben werden. Da die Positionen der USA und des Iran weiterhin deutlich auseinanderliegen, dürfte die Volatilität erhöht bleiben, während Investoren neue Verhandlungssignale laufend neu einpreisen. Für den makroökonomischen Ausblick ist ent-scheidend, wie schnell sich die Energieflüsse durch die Straße von Hormus normalisieren können. Vor dem Konflikt passierten rund 20 Mio. Barrel Öl pro Tag die Meerenge. Berichte über Infrastrukturschäden sowie anhaltende Sicherheitsbedenken deuten darauf hin, dass die Liefermengen im zweiten Quartal möglicherweise nicht vollständig wiederhergestellt werden. Die Marktpreise spiegeln dieses Restrisiko wider. Öl liegt seit Jahresbeginn weiterhin rund 50 % im Plus (Brent) und etwa 30 % über dem Vorkrisenniveau, während die Terminstruktur impliziert, dass Brent für den Rest des Jahres über 70 USD pro Barrel notiert. Der Konflikt hat die globale Wirtschaftsaktivität bereits belastet, wobei die Last überproportional auf energie-importabhängige Regionen fällt. Asien ist am stärksten betroffen, gefolgt von Europa, während die USA den geringsten Schaden erleiden dürften. Für Europa ist Gas wichtiger als Öl; da die TTF‑Futures für den Rest des Jahres
auf erhöhtem Niveau weitgehend stabil bleiben, könnte der dämpfende Effekt auf die Konjunktur anhalten.
Die Zentralbanken stehen vor einem schwierigen Zielkonflikt zwischen der Eindämmung höherer Preise und der Unterstützung des Wachstums. Die Märkte haben ihre Erwartungen an weitere EZB‑Straffungen für 2026 bereits zurückgenommen – von drei auf zwei Zinsschritte (jeweils 25 Basispunkte) –, während bei der Fed weniger als eine halbe Zinssenkung (9 Basispunkte) eingepreist ist.
Positionierungsseitig erhöhen wir die Risikoneigung moderat. Insgesamt bleiben wir bei Aktien weitgehend neutral, werden jedoch konstruktiver gegenüber zyklischen Sektoren – Industrie, IT und Banken – und halten zugleich an unserer Präferenz für Versorger fest, gestützt durch anhaltende Prioritäten in der Energie-sicherheit sowie den stromintensiven Ausbau von KI.
Regional behalten wir mit Blick auf die Berichtssaison eine US‑Übergewichtung bei und bleiben gegenüber Europa vorsichtig, bis sich die Energie‑Visibilität verbessert. Im Anleihebereich bekräftigen wir unsere Präferenz für die qualitative Diversifikation durch europäische Investment‑Grade‑Unternehmensanleihen. Schließlich sehen wir Spielraum für eine Erholung von Gold, da Gegenwind durch US‑Dollar und Renditen nachlässt und die Positionierung weniger überlaufen ist als zu Jahresbeginn.